BETTGESCHICHTEN

BettgeschichtenIch war den Tränen nahe. Es war ein Freitagabend. Auf dem Herd köchelte das Gemüse-Risotto vor sich hin, während ich am Esstisch saß. Ich hatte beschlossen, den Abend zu nutzen, um mich online nach einem neuen Bett umzuschauen. Etwas überfordert aufgrund der unzähligen Auswahl, kämpfte ich mich durch den Einrichtungsdschungel der Onlinemöbelanbieter über den Westflügel nach Schweden, zurück nach Frankreich, wieder in den Norden bis hin nach Finnland. Zwischen pragmatischen und durchgestylten, perfekt ausgeleuchteten oder auch überbelichteten Homepageauftritten (vielleicht würde unterbelichtet ebenso passen) fand ich es schließlich. Das perfekte Bett: ein Boxspringbrett. Pardon, Boxspringbett. Ich nominiere das Wort zum Unwort des Jahres. Egal wie ich es anstelle, ich kann es einfach nicht aussprechen, ohne es einmal falsch zu sagen.

Ich erwischte mich dabei, wie ich gute 10 Minuten auf die immer wieder von vorne beginnende Videoanimation starrte – auf dieser perfekt inszenierten Homepage eines deutsch-finnischen Bettenherstellers. Wenn finnisch alleine nicht schon genug gewesen wäre. Nordisches Qualitäts-Design kombiniert mit deutscher Qualitäts-Herstellung. Na gute Nacht! Gezeigt wurde ein wunderschönes, perfektes Boxspringbett, das wie von Geisterhand bezogen wurde und sich dabei zu einem anderen, dafür genauso perfekten Model veränderte. Immer wieder von vorne. Laken ab. Laken drauf. Skirtings dran, Skirtings runter. (Ja, so heißt der Stoff um den Bettkasten herum. Wie man sieht, habe ich mich ausgiebig damit befasst). Mein Mund öffnete sich von Minute zu Minute, immer ein Stückchen weiter, bis mich irgendwann das lauter werdende Köcheln, fast schon Brutzeln des Risottos vom Starren losriss. Mit einem wehleidigen „buhuhuh, warum?“ goss ich Brühe nach und fragte mich beim Umrühren, warum es nur so teuer sein muss? „Warum, warum? Warum ich? Warum immer ich?“ Allmählich sprach da wohl der Wein aus mir, der eigentlich nicht in mir, sondern im Risotto hätte landen sollen. Passiert.

Seit einiger Zeit war ich bereits auf der Suche nach dem perfekten Bett und jetzt hatte ich es endlich gefunden. Aber wie das so ist: Immer suche ich mir das aus, was ich entweder nicht haben kann oder es gefällt mir natürlich von allem immer das, was am teuersten ist, ohne den Preis vorher zu kennen. Wenn ich eins kann, dann sind es Dinge auswählen und Entscheidungen treffen, die schön, aber nicht immer gut sind.

Nicht gut fürs Herz, für den Geldbeutel, für den Rücken, für den Verstand, für den Magen und die Füße, geschweige denn für die Haare.

Manchmal gar nicht so weit weg von „gut gemeint, aber besser gelassen“–  fragt mal meine Nachbarn oder lest es hier nach.

Da wir ja ohnehin schon bei den Bettgeschichten sind: Das ist fast so, wie auf den perfekten Mann zu treffen, der alles hat und alles kann und alles ist, was man sich vorstellt. Alles schön, aber leider doch gar nicht so gut, weil dieser letzten Endes einen sehr großen Haken hat: Glücklich vergeben; verlobt; verheiratet; verheiratet mit Angelina Jolie; an Frauen gar nicht interessiert; in einem anderen Land lebend, was wirklich nicht funktionieren würde oder man später erst merkt, dass sein Arsch gar nicht an der richtigen Stelle sitzt, sondern da, wo das Herz normalerweise ist. Um nur ein paar Haken zu nennen, die möglich wären, um das Unmögliche möglich zu machen. Check.

Von Anfang an vernünftig sein? Sich von den schönen Dingen einfach nicht blenden lassen? Guter Vorschlag. Aber: viel zu leicht, nur halb so spannend und oft wenig amüsant – vor allem für diejenigen, denen man später die Geschichten erzählt. Ich glaube nicht, dass das in eurem Sinne wäre. Deshalb gibt es stattdessen immer die Option folgendes zu tun: sich verausgaben oder seinen Geldbeutel, verbiegen, verstellen und Dinge übers Knie brechen, irgendetwas verbocken, sich blamieren oder ins Fettnäpfchen treten oder sich und/oder seine Haare ruinieren. Und das, trotz ständiger Begleitung eines verlegenen Eingeständnisses in Form von: „Ja, ich weiß, dass das nicht gut ist“. Alternativ zu ersetzen mit: „zu teuer“, „zu groß“, „nicht angemessen“, „zu eng“, „zu heiß/zu viel Chemie für die Haare“ oder mit „wirklich viel zu kalt ist, um die Außentreppe zu putzen“ – gefolgt von einem großen „ABER, ich mache es trotzdem“. Denn manchmal muss man Dinge ausprobieren, um sich zu vergewissern, dass es wirklich nicht funktioniert oder eben doch. Nicht immer weiß man es vorher und im Nachhinein ist das manchmal sogar sehr schade.

Um noch mal auf die eigentliche Bettgeschichte zurückzukommen: Wenn der passende Mann die zweite Betthälfte füllen würde, mit Hinblick auf viele gemeinsame und lange Nächte, ich meine jetzt nicht die Schlaflosen – nicht nur – würde es sich in jedem Falle lohnen, das finnische Superbett zu kaufen. Ich könnte das Bett aber auch ohne zweite Hälfte kaufen. Also ohne den Mann. Nicht ohne Betthälfte versteht sich. In der Hoffnung, dass bei der Lieferung ein finnischer Sunrise Avenue-Frontmann-Betten-Lieferant-Verschnitt mit dabei ist und wir uns unendlich in einander verlieben und ich das Bett letztlich gar nicht mehr bezahlen müsste, weil er sich zufällig als der Geschäftsführer des Ladens entpuppt, der die Betten persönlich ausliefert. Bei dem Preis könnte man so etwas durchaus erwarten.

Ich kann es aber auch einfach sein lassen. Auch wenn die Neugierde auf „Was wäre, wenn wäre wirklich wäre“ zu groß sein kann, gibt es Dinge, die unter allen Umständen unter die Kategorie Vernunftentscheidung fallen müssen. Ein Bettenkauf zum Beispiel.

Aus einer Bettgeschichte wird außerdem im seltensten Fall eine Märchengeschichte. Die Prinzessin auf der Erbse bin ich nun mal nicht und ich liege auch nicht gerne auf Erbsen, sondern bevorzuge sie lieber in meinem Risotto.

Online ein Bett zu kaufen, ohne vorher Probe zu liegen, ist wie die Katze im Bett – ich meine – im Sack zu kaufen. Es ist schließlich nicht alles Gold was glänzt oder vielmehr: Es liegt sich nicht besser aufgrund professionell ausgeleuchteter Bilder oder weil das Bett im Couch Magazin vorgestellt wurde.

Um weitere Versprecher zu vermeiden, sollte ich mich vielleicht einfach für die altbewährte und günstigere Ikea-Variante entscheiden. Da gibt es nämlich ein einfaches Boxbett. Für Wortstolperei müsste ich somit extra zahlen. Außerdem könnte ich schonungslos zwischen Billy und Volfgang Probeliegen und gleich noch Duftkerzen und Haferkekse mitnehmen, meine sind nämlich mal wieder alle. Klingt verlockend. Wäre da nicht mein Rücken, der die Entscheidung nicht alleine dem Kopf überlassen wird. Ikea ja, aber wenn, dann trotzdem das Boxsprungbrett. Boxspinnbrett. Box-Verdammt-Spring-BETT.

Und wer die zweite Betthälfte langfristig füllen wird, die Entscheidung überlassen Kopf und Rücken aber dann doch dem Herz (zumindest vorrangig).

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8 thoughts

  1. So war 🙂 hab so gelacht 🙂
    Wieso eigentlich boxspringbett?! Springt es aus einer box? Kann man darauf springend boxen? Ist es ein Produkt der liebe eines Boxers und eines Springbocks? Vielleicht HT ist die beste Interpretation, dass man in diesem Bett vom springen in die arme eines Boxers träumt oder wahlweise davon, dass man einen Sp(r)inger boxt 🙂

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    1. Man kann auf jeden Fall drauf rum springen und sich auch boxen. Man kann es sogar gleichzeitig tun.
      Das „Boxspring“ bezeichnet das gefederte Untergestell des Bettes – so die offizielle Beschreibung. Inoffiziell glaube ich aber trotzdem, dass es so benannt wurde, um Menschen wie mich mit der Aussprache zu ärgern 🙂

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  2. Pingback: WIEDERSEHEN

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