WIEDERSEHEN

Es riecht nach Feuer. Nach verbranntem Laub, das an den Straßenrändern zu kleinen Haufen zusammengekehrt wurde und an denen wir in rasantem Tempo vorbeiziehen. Im Hintergrund rattert der schwere Motor des Jeepneys, der uns von Iloilo in das ca. 45 km entfernte San Joaquin bringt. Während der Fahrt in dem offenen Kleinbus bläst mir der Wind unaufhörlich die Haare ins Gesicht. Ich gebe es irgendwann auf, mir meine Haare aus den Augen zu streichen. Ich schließe sie stattdessen und stütze meinen Kopf in meine Hand.

Die Luft ist angenehm warm. Aus dem Radio tönt Lionel Richie, dessen sanfte Stimme ein wohltuender Ausgleich ist zu der sonst so laut knatternden Geräuschkulisse. Die drei Disney-Wackelfiguren auf dem Armaturenbrett wippen im Takt mit. Belle, Sleeping Beauty und Cinderella haben wenigstens sturmfeste Frisuren, denke ich. „Say you, say me“. Ich singe diese Zeilen im Stillen mit und richte sie insgeheim an jemanden in der Ferne – ganz selbstverständlich, ohne wirklich zu merken, dass ich es tue. Es wird allmählich Zeit, dass wir uns wiedersehen.

Ich öffne die Augen und wir fahren auf die Brücke zu, über die meine Cousine einmal sagte, dass man beim Überqueren die Luft anhalten und sich dabei etwas wünsche müsse. Schafft man es bis ans Ende durchzuhalten gehe der Wunsch in Erfüllung.

Ich wünsche mir, dass wir uns wiedersehen. Ganz einfach. Ein kurzer Wunsch. Nichts Anderes, aber in diesem Moment ist es das was mir am meisten am Herzen liegt. Nur mit Mühe schaffe ich es jedoch die Luft zu halten bis wir rübergefahren sind. Ich bin gespannt, ob sich dieser eine von den ach so vielen philippinischen Aberglauben bewahrheitet. Mir würde die Vorstellung aber gefallen, auch wenn ich nicht wirklich abergläubisch bin und Kettenbriefe grundsätzlich ablehne.

Es ist allmählich dunkler geworden und das vorbeiziehende Meer unterscheidet sich kaum noch vom Horizont. Das Blau des Wassers verschmilzt langsam mit dem Blau des Himmels und ich schaue in die Weite, die nicht aufzuhören scheint. Genauso wie meine Gedanken über diesen einen Wunsch. Vielleicht würde dieses Märchen doch noch in Erfüllung gehen? Und welche Märchenfigur ich wäre? Die Prinzessin auf der Erbse schon mal nicht. Das hatte ich ja bereits festgestellt. Vielleicht das Mädchen mit dem großen Herz und noch viel größerem Magen, das vom vermeintlich verwunschenen Prinz nicht als die erkannt wurde, die für ihn bestimmt war. Die daraufhin in die Welt hinauszog, um sich selbst zu finden – das sagt man ja immer so – aber eigentlich in die Welt hinauszog, um sich durch die kulinarischen Köstlichkeiten dieser Welt zu futtern. Von wegen „Eat Pray Love“. Wohl eher Eat! Eat! Eat! Die dann wiederum doch noch vom Prinzen als die Richtige erkannt wurde, weil sein Fluch gebrochen wurde und er begriffen hatte was sie zusammen sein könnten. Und da sie ein fast so großes Herz wie Magen hatte, erbarmte sie sich seiner und sie ritten der Sonne und dem Glück entgegen – auf einem… „Carabao!“, ruft es plötzlich. Meine Tante macht mich auf einen Wasserbüffel aufmerksam, dem sogenannten Carabao, der am Wegesrande steht. Erst kürzlich hatten wir es von dem philippinischen Kinderlied das von diesen Tieren handelt und das meine Mutter meiner Schwester und mir früher immer vorsang. Ich habe die eingängige Melodie sofort wieder im Kopf.

Die Fahrt im halboffenen Jeepney nach San Joaquin, einem kleinen Fischerdorf in dem ein Teil meiner Wurzeln liegt, fand ich schon immer aufregend. Bis auf den Part, wenn zu viele Passagiere auf dem Weg dorthin zusteigen und man eingequetscht wie die Sardinen in der Öl Büchse zusammensitzt. Auch heute ist es wieder so. Wenigstens haben wir einen Platz neben dem Fahrerhaus ergattert, so dass es nur von einer Seite drückt.

Trotzdem genieße ich die Fahrt, weil sie mich auch immer ein Stück an meine Kindheit erinnert und mir ein Gefühl von innerer Ruhe gibt.

Irgendwie paradox, aber vielleicht ist es genau die Kombination aus warmen Wind, dem Duft nach verbranntem Laub, der sehr oft ertönenden Hupe des Jeepneys, dem sing-sang ähnlich klingenden Dialekt Ilongo, den man in diesem Teil des Landes spricht und von dem ich zwar so gut wie nichts verstehe, mir aber trotzdem vertraut klingt und all den herrlichen Bildern, die sich während der Fahrt vor meinem Auge auftun.

Und dazwischen immer wieder Du. Auch paradox. Irgendwie. Ich schließe meine Augen wieder. Nicht, um dich aus meinem Kopf zu kriegen. Ganz im Gegenteil. Um den Moment festzuhalten, in dem mir klar wird, dass wir uns wiedersehen werden. Ich spüre es ganz fest und wir fahren in die Nacht hinein. „Say you, say me…“ ♪ ♫

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